Stress – wenn der Druck zu groß wird
„Reduzieren Sie den Stress.“
Den Satz haben viele von uns schon gehört:
Als mein Arzt das vor Jahren zu mir sagte, klang es so einfach wie:
„Bring mal eben den Müll raus.“
Doch so einfach war es nicht.
Denn bevor ich den Müll hinausbringen konnte,
musste ich erst einmal herausfinden, was dieser „Müll“ überhaupt ist.
Was gehört wirklich weg?
Was trage ich schon viel zu lange mit mir herum?
Und was ist gar nicht meines, liegt aber trotzdem in meinem inneren Wohnzimmer?
Ursprünglich stammt der Begriff Stress aus der Physik und der Werkstoffkunde. Dort beschreibt er den Zug, Druck und die Spannung, die auf ein Material einwirken.
Wenn wir heute von Stress sprechen, dann sind wir selbst dieses Material.
Manchmal fühlt sich Stress an wie ein Gast, der einfach vor der Tür steht.
Nicht eingeladen.
Nicht erwartet.
Und schon gar nicht erwünscht.
Er klopft nicht einmal höflich. Er steht da, lehnt lässig am Türrahmen, grinst breit und sagt:
„Heute bist du dran. Mir ist gerade danach.“
Und genau an diesem Punkt beginne ich, bei mir hinzuschauen.
Woher kommt der ganze Stress?
Ist der Stress in mir?
Wir sagen so oft:
„Das stresst mich.“
Als käme der Stress von außen angeflogen.
Als hätte er sich genau diesen Moment ausgesucht.
Und ja – vieles von dem, was uns begegnet, kommt tatsächlich von außen: Menschen, Erwartungen, Termine, Verpflichtungen, Worte, Situationen.
Doch nicht alles, was an unsere Tür klopft, muss auch hereingelassen werden.
„Nicht die Umstände formen den Menschen,
sondern wie er ihnen begegnet.“
(Musonius Rufus)
Wir können oft nicht steuern, was auf uns zukommt.
Aber wir können beeinflussen, wie wir darauf reagieren –
und wie viel Raum wir dem Ganzen geben.
Wem machst du die Tür auf?
Eine ehrliche Frage, ohne Vorwurf:
Wem oder was öffne ich meine Tür?
Und wenn du merkst, dass du dadurch unter Stress gerätst, lohnt es sich, innezuhalten:
- Warum stresst mich das?
- Was genau löst dieses Gefühl in mir aus?
- Kann ich etwas verändern?
- Und wenn nicht: Kann ich meine Reaktion verändern?
Viele sagen an dieser Stelle:
„Da kann ich nichts machen. Das ist Familie. Das ist der Chef. Das sind die Umstände.“
Doch auch hier bleibt eine Entscheidung bei dir:
Wie du damit umgehst.
Das braucht Vorarbeit.
Und manchmal auch Nacharbeit.
Es kann helfen, sich bewusst Zeit zu nehmen und die eigenen Muster zu betrachten:
- Wer oder was stresst mich?
- Was genau triggert mich?
- Warum lasse ich zu, dass es mich so viel Energie kostet?
Nicht, um dich zu bewerten –
sondern um dich besser zu verstehen.
Wenn der Gast schon lange da ist
Manchmal steht dieser Gast namens Stress nicht erst seit heute vor der Tür.
Manchmal ist er schon sehr lange da.
So lange, dass er gar nicht mehr fragt, ob er hereindarf.
Er geht einfach davon aus.
Und wenn wir ehrlich sind, haben wir ihm irgendwann selbst die Tür geöffnet.
Wie bei Familie.
Wie bei Freunden.
Wie bei Menschen oder Verpflichtungen, bei denen wir einmal gefragt wurden –
und Ja gesagt haben.
Dieses Ja war vielleicht richtig zu diesem Zeitpunkt.
Doch ein Ja von damals wirkt weiter,
wenn wir es nie überprüft haben.
Der Stress klopft dann nicht mehr.
Er sitzt bereits im Wohnzimmer.
Hat sich eingerichtet.
Und fühlt sich erstaunlich selbstverständlich.
Den Blick wieder nach innen richten
Gerade in solchen Phasen kann es helfen, den Blick bewusst nach innen zu wenden.
Nicht, um sofort Lösungen zu finden –
sondern um überhaupt wieder wahrzunehmen, wie es einem geht.
Auf meiner Webseite findest du bereits verschiedene Beiträge und Vorlagen,
zum Beispiel zu den Rauhnächten, zum Jahresendritual und zur Meditation.
Sie können dabei unterstützen, den Blick auf sich selbst zu klären
und wieder in Kontakt mit den eigenen Bedürfnissen zu kommen.
Diese Formate sind keine schnellen Antworten auf Stress.
Aber sie schaffen etwas sehr Wertvolles: Raum.
Raum zum Innehalten.
Raum zum Sortieren.
Raum, um sich selbst wieder zuzuhören. Raum für Aktivitäten und Menschen die mir gut tun.
Und manchmal reicht genau das,
um zu erkennen, welcher Gast gehen darf –
und welchem wir vielleicht zu lange die Tür offengehalten haben.
Eine mögliche Ordnung: STRESS
Ich arbeite hier gerne mit einer einfachen Struktur,
die das Wort STRESS neu betrachtet – nicht als Gegner, sondern als Hinweis.
S – So fühlt es sich an
So ist es jetzt gerade. Ohne Beschönigung.
T – Tatsache analysieren
Was ist wirklich passiert – und was interpretiere ich?
R – Reaktion
Warum stresst mich das? Welche alte Geschichte meldet sich?
E – Energie
Wie viel Energie kostet mich das?
S – Spielraum
Wo habe ich Handlungsspielraum, auch wenn er klein ist?
S – Selbstfürsorge
Es ist mein Stress.
Und ich darf entscheiden, wie ich mit ihm umgehe.
Ein leiser Perspektivwechsel
Stress ist kein Beweis dafür, dass du etwas falsch machst.
Er ist ein Signal.
Ein Hinweis darauf, dass irgendwo Druck entstanden ist.
Und Druck bedeutet nicht automatisch, dass etwas kaputtgeht –
aber dass Aufmerksamkeit nötig ist.
Du bist kein Material, das alles aushalten muss.
Du bist ein Mensch.
Und du darfst lernen, deine Tür bewusster zu öffnen –
oder sie auch einmal geschlossen zu lassen.