Nicht jeder Gedanke braucht ein Nest


Warum wir manche Gedanken immer weiter ausbrüten – und wie wir lernen können, sie wieder fliegen zu lassen.


Manchmal habe ich das Gefühl, in meinem Kopf hat sich eine Möwe ein Nest gebaut.
Eigentlich ist es nur ein kleiner Gedanke.
Aber ich bleibe daran hängen.
Denke weiter.
Drehe ihn hin und her.
Und plötzlich liegt da nicht mehr nur ein Gedanke im Nest.
Da liegt ein Ei.
Dann noch eins.
Und noch eins.
Zu jedem Gedanken kommt ein
„Ja, aber…“
„Was ist, wenn…“
„Hätte ich nicht…“
„Was denken die anderen…“
Und bevor ich es merke, sitze ich mitten in einem ganzen Nest voller Gedanken.


Grübeln fühlt sich an wie Kontrolle

Lange habe ich geglaubt, ich muss über alles nachdenken, um die richtige Entscheidung zu treffen.

Wenn ich lange genug überlege, finde ich die Lösung.
Wenn ich alle Möglichkeiten durchspiele, kann nichts schiefgehen.
Wenn ich alles im Kopf durchgehe, habe ich es im Griff.

So dachte ich.

Heute weiß ich, dass Grübeln oft gar nichts mit Klarheit zu tun hat.

Es ist eher wie Brüten.

Man sitzt auf einem Gedanken,
wärmt ihn,
dreht ihn,
passt auf ihn auf,

und merkt nicht, dass man sich selbst dabei festsetzt.

Und dann schlüpfen die kleinen Racker

Irgendwann bleiben die Gedanken nicht mehr ruhig.

Dann schlüpfen sie.

Und plötzlich sind sie überall.

„Was, wenn das falsch war?“
„Warum hast du das so gemacht?“
„Das hätte besser laufen können.“
„Du solltest noch mal darüber nachdenken.“

Und wie kleine Möwenküken reißen sie ihre Schnäbel auf
und wollen gefüttert werden.

Mit Aufmerksamkeit.
Mit Sorgen.
Mit noch mehr Gedanken.

Und oft füttere ich sie auch noch.

Nicht, weil ich das will.

Sondern weil ich es so gelernt habe.

Der Kritiker liebt volle Nester

Mein innerer Kritiker mag es, wenn viele Gedanken im Nest liegen.

Dann hat er immer etwas zu tun.

Immer noch einen Zweifel.
Noch eine Frage.
Noch ein „Ja, aber…“

Früher dachte ich, das sei vernünftig.

Heute glaube ich, dass ich mir damit oft selbst die Ruhe genommen habe.

Nicht jeder Gedanke braucht ein Nest.

Nicht jeder Zweifel muss ausgebrütet werden.

Und nicht jedes Ei muss schlüpfen.

Und dann liegen plötzlich fremde Eier im Nest

Manchmal bleibt es nicht bei meinen eigenen Gedanken.

Dann kommen die anderen Vögel dazu.

Gut gemeint.
Besorgt.
Vernünftig.

„Hast du dir das gut überlegt?“
„Meinst du wirklich, dass das richtig ist?“
„Pass auf, dass du keinen Fehler machst.“
„Ich würde das nicht tun.“

Und ehe ich mich versehe, liegen nicht nur meine eigenen Gedankeneier im Nest.

Da liegen plötzlich auch welche von den anderen.

Wie Kuckuckseier.

Größer.
Schwerer.
Lauter.

Und meine eigenen kleinen Gedanken rutschen zur Seite.

Manchmal fallen sie sogar ganz aus dem Nest.


Vielleicht haben sie ja recht…

Dann fängt es in mir an zu arbeiten.

Vielleicht haben sie ja recht.
Vielleicht sehe ich das falsch.
Vielleicht bilde ich mir nur ein, dass sich das richtig anfühlt.
Vielleicht will ich einfach nur, dass es richtig ist.

Und während ich noch überlege,
sitze ich schon auf den Gedanken der anderen
und brüte ihre Zweifel aus,
als wären es meine eigenen.

Das fühlt sich selten gut an.

Aber es fühlt sich vertraut an.

Denn so habe ich es lange gemacht.

Wenn ich nicht auf mein Nest aufpasse, lasse ich Federn

Früher habe ich oft nicht gemerkt,
wie viele fremde Gedanken ich in mein Nest gelassen habe.

Ich wollte alles richtig machen.
Niemanden enttäuschen.
Keine falsche Entscheidung treffen.

Also habe ich zugehört.
Nachgedacht.
Abgewogen.

Und am Ende war ich so beschäftigt mit den Gedanken der anderen,
dass ich meine eigenen kaum noch hören konnte.

Wenn ich nicht gut auf mein Nest aufpasse,
lasse ich ganz schön Federn.

Heute merke ich schneller, wenn das passiert.

Nicht jeder Rat ist mein Ei.
Nicht jede Sorge gehört in mein Nest.
Und nicht jeder Zweifel muss von mir ausgebrütet werden.

Gedanken dürfen auch weiterfliegen

Heute versuche ich manchmal etwas anderes.

Wenn ein Gedanke kommt, frage ich mich:

Muss ich den jetzt wirklich behalten?

Oder darf er einfach weiterziehen?

Wie eine Möwe über dem Meer.

Manchmal klappt das nicht sofort.

Manchmal sitze ich trotzdem wieder im Nest.

Aber immer öfter merke ich,
dass ich entscheiden darf,
welche Gedanken ich füttere.

Und welche ich fliegen lasse.

Vielleicht kennst du das auch

Vielleicht hattest du auch schon eine Entscheidung,
die sich für dich richtig angefühlt hat.

Und dann kamen die Stimmen von außen.

Gut gemeint.
Vernünftig.
Logisch.

Und plötzlich warst du dir nicht mehr sicher.

Nicht, weil dein Gefühl weg war.

Sondern weil zu viele fremde Eier im Nest lagen.

Dann darfst du dich vielleicht fragen:

Welche Gedanken sind wirklich meine?
Und welche habe ich nur übernommen?

Nicht jedes Ei, das im Nest liegt, gehört auch dorthin.

Und nicht jeder Gedanke muss von dir ausgebrütet werden.

Ein Gedanke zum weiterfliegen

Ich glaube nicht, dass wir verhindern können, dass Gedanken kommen.

Aber wir können lernen,
nicht jeden einzelnen aufzuziehen.

Manche dürfen bleiben.

Manche dürfen wachsen.

Und manche dürfen einfach davonfliegen,
bevor sie anfangen, ein ganzes Nest zu bauen.

Martes Gedanken – unterwegs zwischen Licht, Schatten und neuen Horizonten

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