Die Möwe, die nach Hause fand

Eine Möwe flog viele Jahre über fremde Horizonte.
Sie sah Städte, Felder und Flüsse,
doch der Wind fühlte sich nie ganz richtig an.

Eines Tages drehte sie wieder Richtung Land.
Als sie die Küste sah,
wusste sie plötzlich:
Ich musste so weit fliegen,
um zu merken, wo ich wirklich zuhause bin.

Manche Menschen können lange wie ein Adler kreisen.
Hoch oben, alles im Blick, weit weg vom Boden.
Ich nicht.

Ich bin eher eine Möwe.

Ich fliege, ich denke, ich lasse mich tragen,
aber irgendwann tauche ich ins Wasser
oder brauche wieder Sand unter den Füßen.

Vielleicht schreibe ich deshalb auch meinen Gedankenflügen weiter.
Weil ich merke, dass viele von uns sonst in der Luft hängen bleiben.
Zu viele Stimmen, zu viele Richtungen, zu viel Wind von allen Seiten.

Und bevor ich mich verliere,
lande ich lieber wieder bei mir.


Warum ich immer wieder bei mir lande.

Wenn ich auf mein Leben schaue, war ich oft unterwegs.

Nicht nur von einem Ort zum anderen,
sondern auch innerlich.

Neue Wege, neue Länder, neue Menschen, neue Gedanken.
Manches hat sich richtig angefühlt, manches nicht.
Manches musste ich ausprobieren, um zu merken,
dass es doch nicht mein Weg ist.

Früher dachte ich, ich müsste irgendwo ankommen,
wo alles endgültig passt.

Heute glaube ich, dass es weniger um den Ort geht
und mehr darum, bei sich selbst anzukommen.

Ich habe viele Horizonte gesehen.
Ich habe mich treiben lassen, habe neu angefangen,
habe Dinge hinter mir gelassen, die einmal wichtig waren.

Und jedes Mal dachte ich, jetzt müsste es doch endlich klar sein.

Aber das Leben ist kein gerader Flug.

Manchmal trägt der Wind.
Manchmal kommt er von vorn.
Manchmal verliert man die Richtung,
weil zu viele Stimmen gleichzeitig reden.

Gerade heute habe ich oft das Gefühl,
dass viele Menschen gar nicht mehr wissen,
wo ihr eigener Boden ist.

Zu viele Meinungen.
Zu viele Erwartungen.
Zu viele Möglichkeiten.

Und irgendwann hängt man in der Luft
und merkt nicht einmal mehr,
dass man längst aufgehört hat, auf sich selbst zu hören.

Vielleicht schreibe ich deshalb diese Gedankenflüge.

Nicht, weil ich alles weiß.
Nicht, weil ich den richtigen Weg für andere kenne.

Sondern weil ich immer wieder merke,
dass ich nur dann ruhig werde,
wenn ich wieder bei mir lande.

Wie eine Möwe,
die weit geflogen ist,
viel gesehen hat,
und trotzdem den Moment braucht,
in dem die Füße wieder den Sand berühren.

Ich musste nicht immer bleiben,
aber ich musste weit genug fliegen,
um zu wissen, wo ich zuhause bin.

Martes Gedanken – unterwegs zwischen Licht, Schatten und neuen Horizonten

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