Heute genieße ich die Fahrt


Warum langsamer nicht weniger Leben bedeutet


Es gab eine Zeit,
da bin ich nicht durch mein Leben gegangen
wie über eine Strecke, die man genießen kann.
Ich bin gerast,
als wollte ich sie möglichst schnell hinter mich bringen.
Immer in Bewegung.
Immer etwas zu tun.
Immer etwas zu erledigen.
Still sitzen,
einfach in der Sonne –
ohne Grund –
das kannte ich lange nicht.
Und wenn ich ehrlich bin:
Ich hätte es mir auch nicht erlaubt.
Zu tief saß dieser Satz in mir:
„Hat die tagsüber nichts Besseres zu tun?“
Schaffen.
Putzen.
Tun.
Nicht sitzen.
Wer nichts tut, ist faul.
Und so bin ich lange gefahren.
Ohne Pause.
Ohne anzuhalten.
Ohne zu überlegen,
ob mir langsam die Puste ausgeht.


Ich musste langsamer werden

Dass ich heute anders fahre,
habe ich mir nicht nur ausgesucht.

Ein Teil davon wurde mir aufgezeigt.

Durch Grenzen.
Durch Schmerzen.
Durch meinen Körper.

Nach den Unfällen wurde mir ziemlich deutlich gezeigt,
dass ich manches nicht mehr alleine schaffen konnte.

Und genau das war schwer.

Nicht nur, weil ich Hilfe brauchte.

Sondern weil ich erst einmal lernen musste,
sie anzunehmen.

Schon als Kind hatte ich offenbar gelernt:

Wer etwas nicht alleine schafft,
ist schwach.

Wer Hilfe braucht,
kann es nicht mehr.

Und wer einfach dasitzt,
während jemand anderes etwas für ihn tut,
tut selbst nichts.

Faul.

So fühlte es sich für mich an.

Ich sah zunächst nicht die Fürsorge des anderen.

Ich sah nur mich selbst,
die nichts tat.

Jemand brachte mir etwas.
Jemand half mir.
Jemand nahm mir etwas ab.

Und ich saß da.

Das war schwer auszuhalten.


Langsam musste ich neu lernen

Mit der Zeit habe ich verstanden,
dass Hilfe annehmen nicht bedeutet,
dass ich nichts kann.

Und dass jemand etwas für mich tut,
nicht bedeutet,
dass ich weniger wert bin.

Manchmal bedeutet es einfach:

Da ist jemand, der für mich da ist.

Das zu sehen,
hat gedauert.

Genauso wie das Sitzen in der Sonne.

Einfach so.

Ohne etwas zu erledigen.
Ohne einen Grund vorweisen zu müssen.

Heute kann ich das.

Und manchmal genieße ich es sogar sehr.


Langsamer verändert den Blick

Mit der Zeit habe ich gemerkt,
dass langsamer nicht weniger ist.

Ich sehe mehr.
Ich nehme bewusster wahr.
Ich plane anders.

Früher bin ich gerannt.
Von einem zum nächsten.

Heute gehe ich.

Und manchmal bleibe ich stehen.

Nicht, weil ich muss.

Sondern weil ich es kann.

Und weil ich inzwischen weiß,
dass auch das Leben ist.


Mein inneres Navi spricht leise

Früher bin ich oft zu lange weitergefahren.

Zu lange angepasst.
Zu lange durchgehalten.

Heute merke ich früher,
wenn etwas nicht stimmt.

Es ist kein lauter Alarm.

Eher wie ein leiser Hinweis:

Hier passt etwas nicht mehr.

Ein inneres Ziehen.
Ein kurzes Innehalten.

Früher bin ich weitergefahren.

Habe manches Stoppschild übersehen.

Heute halte ich an.

Oder ändere die Richtung.

Ein Gedanke zum Weiterfliegen

Mein Leben ist nicht kleiner geworden.

Es ist ruhiger geworden.

Ich fahre nicht mehr überall mit Vollgas.
Ich nehme nicht mehr jede Strecke.
Ich lasse nicht mehr jeden mitfahren.

Aber ich genieße die Fahrt mehr als früher.

Ich sehe mehr.
Ich spüre mehr.
Ich höre mich besser.

Und vielleicht ist das eine der schönsten Veränderungen:

Ich muss nicht mehr ständig etwas leisten,
um mir selbst zu beweisen,
dass ich es kann.

Ich darf auch einmal sitzen.

Hilfe annehmen.

Mich tragen lassen.

Und einfach da sein.

Ohne schlechtes Gewissen.

Ich vertraue meinem inneren Navi.

Es zeigt mir heute nicht nur,
wann ich weiterfahren soll.

Manchmal sagt es auch:

Hier kannst du bleiben.

Und genau das genieße ich inzwischen.

Martes Gedanken – unterwegs zwischen Licht, Schatten und neuen Horizonten

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