Ich habe die Ausfahrt verpasst


Wie ich merkte, dass ich zu lange auf derselben Strecke gefahren war


Es gab eine Zeit in meinem Leben,
da lief alles wie auf einer Autobahn.
Ich bin gefahren,
ohne viel nach links oder rechts zu schauen.
Es musste ja weitergehen.
Die Kinder.
Die Familie.
Die Schwiegereltern, die Pflege brauchten.
Verantwortung.
Pflichten.
Alltag.
Ich war beschäftigt.
Immer.
Und solange man fährt,
merkt man oft nicht,
ob man noch auf der richtigen Strecke ist.


Ich habe die Ausfahrt nicht gesehen

Heute denke ich:
Ich bin nicht falsch gefahren.

Ich bin nur zu lange geradeaus gefahren.

Da waren sicher Abfahrten.
Neue Wege.
Andere Möglichkeiten.

Aber meine Gedanken waren woanders.

Bei den Kindern.
Bei der Familie.
Bei dem, was erledigt werden musste.

Auch meine Ehrenämter waren wie kleine Nebenstraßen.
Orte, an denen ich kurz abbiegen konnte.

Ich habe viel für andere gemacht.
Viel organisiert.
Viel gegeben.

Und ja —
bei jedem Vortrag, bei jeder Weiterbildung
habe ich auch etwas für mich gelernt.

Aber wirklich angehalten
habe ich nie.


Die Anzeige hat längst geleuchtet

Irgendwann war ich müde.

Nicht nur ein bisschen.
Richtig müde.

Mein Motor lief noch —
aber nicht mehr rund.

Die Ölkontrollanzeige stand längst auf Rot.
Und trotzdem bin ich weitergefahren.

Es ging ja noch irgendwie.

Bis mein Körper mir deutlich gezeigt hat:

So geht es nicht weiter.


Mein stilles Gebet

An einem Sonntag saß ich im Gottesdienst.

Draußen war es grau.
Und genau so fühlte es sich auch in mir an.

Ich saß still da und habe gebetet.

Nicht laut.
Nur für mich.

„Gott, war das alles?
Da muss doch noch mehr Leben für mich sein.

Wenn da nichts anderes mehr kommt,
dann kann ich auch gehen.

Aber wenn du noch etwas für mich hast,
dann zeig es mir.“

Keine großen Worte.
Nur ehrlich.


Und dann kam dieses Licht

In genau diesem Moment
fiel ein Sonnenstrahl durch das Kirchenfenster.

Draußen war es grau.
In der Kirche war es dunkel.

Aber dieser eine Strahl
traf genau mich.

Alles andere blieb im Schatten.

Ich habe nicht nach einem Zeichen gesucht.
Aber in diesem Moment
hat es sich wie eines angefühlt.

Ganz ruhig.
Ganz klar.

Nicht laut.
Nicht spektakulär.

Nur wie eine leise Antwort:

Da ist noch etwas.


Der Moment, in dem ich begann zuzuhören

Dieser Tag hat mein Leben nicht sofort verändert.

Ich bin nicht aufgestanden
und alles war anders.

Aber etwas in mir hat begonnen,
aufmerksamer zu werden.

Ich habe angefangen zuzuhören.

Auf meine innere Stimme.
Auf meine Gefühle.
Auf dieses leise Wissen,
wenn etwas nicht mehr passt.

Ich habe gemerkt:

Ich kann nicht nur fahren.
Ich darf auch die Richtung ändern.

Ein Gedanke zum weiterfliegen

Heute denke ich:
Ich musste diese Strecke fahren.

Ich musste erleben,
wie es ist, immer weiterzumachen.

Ich musste spüren,
wie sich ein leerer Tank anfühlt.

Sonst hätte ich vielleicht nie gefragt:

War das alles?

Und vielleicht hätte ich nie gehört,
dass die Antwort leise ist:

Nein.

Da ist noch mehr.

Und du darfst die nächste Ausfahrt nehmen.

Martes Gedanken – unterwegs zwischen Licht, Schatten und neuen Horizonten

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