Als ich mein eigenes Navi eingeschaltet habe
Warum ich eine neue Route brauchte, um wieder bei mir anzukommen
Es gibt Momente im Leben,
da merkt man,
dass man lange auf einer Straße gefahren ist,
die irgendwann nicht mehr die eigene war.
Ich bin viele Jahre einfach weitergefahren.
Pflichtbewusst.
Verantwortungsvoll.
Für andere da.
Für die Familie.
Für das, was gerade gebraucht wurde.
Es war nicht falsch.
Aber es war auch nicht mehr ganz richtig.
Und irgendwann habe ich mich gefragt:
Was mache ich hier eigentlich?
War das alles, was das Leben für mich bereithält?
Der Wendepunkt kam leise
Er kam nicht mit einem großen Knall.
Er kam leise.
Mit einem Gebet.
Mit einem Sonnenstrahl durch ein Kirchenfenster.
Mit diesem Gefühl:
Da muss doch noch mehr Leben für mich sein.
Ich wusste damals nicht,
wie dieses „mehr“ aussehen würde.
Ich wusste nur:
So möchte ich nicht weiterfahren.
Eine Entscheidung, die alles verändert hat
Und dann kam diese Ausfahrt.
Nach einer langen Strecke namens
„Irgendwann“
stand plötzlich ein Schild:
Jetzt.
Diesmal war für mich klar:
Hier muss ich abbiegen.
Ich war nach einem Urlaub
nicht mehr zurückgefahren.
Nicht die gleiche Strecke stur weiter.
Nur angehalten,
um die wichtigsten Dinge zu klären.
Dann fuhr ich in einem ganz anderen Tempo
auf einer neuen Route.
Für mich war die Entscheidung gefallen.
Ich hatte den Blinker gesetzt.
Für mein Umfeld und meine Familie
kam das überraschend.
Vielleicht auch deshalb,
weil mir schon lange
die Worte gefehlt hatten.
Ich konnte nicht mehr erklären,
was in mir vorging.
Vielleicht wollte ich auch
gar nicht mehr erklären.
Mein Ziel lag weit entfernt.
Nicht eben um die Ecke
mit der Möglichkeit,
mal kurz zurückzufahren
oder auf einen Kaffee vorbeizuschauen.
Ich war abgebogen.
Und plötzlich fuhr ich
fast alleine weiter.
Das Gefährt namens Leben,
das lange so übervoll gewesen war,
war plötzlich fast leer.
Freunde.
Bekannte.
Familie.
Verwandtschaft.
Viele stiegen aus.
Jeder traf seine eigene Entscheidung
darüber, ob und wie er weiterfahren wollte.
Nur wenige blieben.
Einige davon sitzen bis heute
mit mir in diesem Fahrzeug.
Dass ein fast leeres Fahrzeug
auch etwas Befreiendes haben kann,
hätte ich früher wahrscheinlich
nicht geglaubt.
Aber Befreiung und Schmerz
können offenbar gleichzeitig
auf derselben Strecke fahren.
Bei einem Fahrzeug würde man vielleicht
von Kratzern im Lack sprechen.
Von Beulen in der Karosserie.
Man sieht sie.
Man weiß, woher sie kommen.
Und irgendwann werden sie Teil
der Geschichte dieses Fahrzeugs.
Aber weiterhin auf Reserve herumzufahren,
nur damit der Wagen
nicht stehen bleibt,
war für mich keine Option mehr.
Also fuhr ich die neue Strecke.
Nicht mit vollem Tank.
Nicht mit voller Besetzung.
Aber zum ersten Mal
in eine Richtung,
die ich selbst gewählt hatte.
Ohne Karte unterwegs
Als ich hier saß,
habe ich gemerkt:
Ich bin losgefahren —
aber ohne Karte.
So viele Jahre habe ich mich orientiert
an dem, was gebraucht wurde.
An dem, was erwartet wurde.
Jetzt war ich zum ersten Mal
wirklich allein am Steuer.
Und ich wusste nicht sofort,
wo meine Route langging.
Freiheit kann sich am Anfang
auch wie Orientierungslosigkeit anfühlen.
Was oder wohin ich nicht mehr wollte,
war mir bewusst.
Doch auf die Frage,
die ich mir selbst gestellt habe:
„Was willst du eigentlich?“
hatte ich spontan keine Antwort.
Vielleicht hat das auch damit zu tun,
dass wir ziemlich früh lernen sollen,
in welche Richtung unser Leben gehen soll.
Mit fünfzehn sollte ich schon wissen,
welchen Beruf ich lernen wollte.
Fünfzehn.
Ich wusste damals noch nicht einmal,
was man in diesem Beruf alles macht.
Aber irgendwie sollte die Richtung
schon feststehen.
Ich hatte Glück.
Mein Beruf war dem meines Vaters ähnlich
und passte zu meinen Interessen.
Es war nicht einmal mein erster Wunsch.
Den habe ich mir später
einfach noch erfüllt.
Wenn ich heute zurückblicke,
merke ich,
dass ich meine Spur schon ziemlich oft
gewechselt habe.
Eigentlich habe ich schon mehrfach
komplett neu angefangen.
Nicht einfach ein bisschen langsamer.
Nicht mal kurz rechts ran
und schauen, wie es weitergeht.
Eher so:
Vollgas.
Bis wirklich nichts mehr ging.
Und dann mit Karacho
in die nächste Ausfahrt.
Bei solchen Manövern
bleibt nicht viel an Ort und Stelle.
Alles auf Anfang.
Heute frage ich mich manchmal,
warum ich das eigentlich so gemacht habe.
Warum musste es immer gleich
ein kompletter Neustart sein?
Warum nicht einmal
einfach vom Gas gehen?
Was mich immer weiterfahren ließ
Vielleicht lag es auch an einem Satz,
den ich oft gehört habe:
„Du schaffst das.“
Oder:
„Das ist für dich doch kein Problem.“
Und schon lag die nächste Aufgabe
bei mir.
Ich konnte es ja.
Also machte ich.
Noch etwas.
Und noch etwas.
Irgendwann wurde aus
„Ich kann das“
fast unbemerkt
„Ich muss das können.“
Vielleicht war da lange ein Satz
in meinem eigenen Navi gespeichert:
Liebe und Anerkennung gibt es durch Leistung.
Also fuhr ich weiter.
Leistete.
Funktionierte.
Übernahm.
Und tankte dabei immer wieder
von außen nach.
Heute ist etwas anders.
Ich fahre mit Liebe im Tank.
Mit Liebe zu mir selbst.
Ich erwarte sie nicht mehr von außen,
damit es mir gut geht.
Und vielleicht muss ich deshalb
auch nicht mehr beweisen,
dass ich alles schaffen kann.
Mein eigenes Navi
Früher habe ich mich stark daran orientiert,
was andere brauchten,
was erwartet wurde
und was ich leisten konnte.
Heute frage ich mich öfter:
Was passt für mich?
Nicht jede Antwort ist sofort da.
Manchmal muss ich ein Stück fahren,
bevor ich sie kenne.
Aber ich höre inzwischen
auf die leisen Ansagen.
Nicht im Auto.
In mir.
Mein eigenes Navi
muss mir nicht mehr sagen,
wie ich für andere funktionieren soll.
Es darf mir zeigen,
was sich für mich richtig anfühlt.
Die neue Route entsteht unterwegs
Ich hätte gerne gesagt,
dass ich nach dem Abbiegen
sofort wusste, wohin ich wollte.
Aber so war es nicht.
Die neue Strecke war keine
frisch ausgebaute Autobahn.
Vieles war neu.
Manche Abschnitte staubig.
Andere holprig.
Und nicht alles passte zu hundert Prozent.
Das wird es wahrscheinlich
auf keiner Strecke im Leben.
Auch heute bleiben
Enttäuschungen nicht aus.
Manche Teilstrecken
gleichen eher einer Achterbahn.
Hoch.
Runter.
Und manchmal frage ich mich,
warum ich eigentlich
in diese Kurve gefahren bin.
Aber etwas hat sich verändert:
Ich erkenne heute schneller,
wenn etwas nicht passt.
Manchmal kommt die Ansage
sogar von außen.
Wie gestern.
Ein netter Autofahrer
machte mich darauf aufmerksam:
Die Straße ist weiter vorne gesperrt.
Fahr hier nicht weiter.
Du musst einen anderen Weg nehmen.
Also bog ich ab.
Nicht geplant.
Und plötzlich lagen fast zwei weitere Stunden
Bergstrecke vor mir.
Ich hätte mich ärgern können.
Schließlich war das nicht meine Route.
Aber was hätte es geändert?
Die Straße war gesperrt.
Also fuhr ich weiter.
Und entdeckte dabei Plätze,
die ich sonst nie gesehen hätte.
Aussichten.
Kurven.
Landschaften.
Kleine Orte.
Dinge, die auf meiner geplanten Strecke
gar nicht aufgetaucht wären.
Vielleicht ist das inzwischen
einer der größten Unterschiede zu früher:
Ich muss nicht mehr für jede Strecke
wissen, wo sie endet.
Ich kann schauen,
was hinter der nächsten Kurve kommt.
Mein Navi kennt eben nicht immer
den ganzen Weg.
Aber es hilft mir,
unterwegs zu merken,
wenn sich eine andere Richtung
besser anfühlt.
Alles war schon da
Heute weiß ich:
Vieles von dem,
was ich gesucht habe,
war schon lange in mir.
Ich habe es nicht verloren.
Ich habe nur lange
an anderen Stimmen orientiert.
Zu viele Erwartungen.
Zu viel Pflicht.
Zu viel „Du schaffst das“.
Und irgendwo dazwischen
wurde meine eigene Stimme
immer leiser.
Nicht weg.
Nur leise.
Heute höre ich sie wieder.
Ein Gedanke zum Weiterfliegen
Ich weiß nicht,
wo die Reise noch hingeht.
Und ich muss es auch nicht wissen.
Mein eigenes Navi ist eingeschaltet.
Ich fahre bewusster.
Umsichtiger.
Und vor allem:
in einem Tempo,
das zu mir passt.
Ich rausche nicht mehr
an allem ungebremst vorbei.
Ich sehe mehr von der Landschaft.
Manche Kurven machen Spaß.
Manche Aussichten laden zum Anhalten ein.
Und manchmal denke ich einfach:
Schön hier.
Dann fahre ich weiter.
Nicht langsamer.
Nicht schneller.
Meins.
Denn diese Strecke ist meine.
Und ich sitze am Steuer.
