Irgendwann ist irgendwann vielleicht zu spät


Warum habe ich meine Ausfahrt immer wieder verschoben?



Nachdem ich gemerkt hatte,
dass ich die Ausfahrt längst
hätte nehmen sollen,
kam noch eine andere Erkenntnis dazu:
Ich habe sie nicht nur verpasst.
Ich habe sie immer wieder verschoben.
Da war eine Möglichkeit.
Ein Moment,
an dem ich hätte abbiegen können.
Und dann kam etwas dazwischen.
Ein Geburtstag.
Weihnachten.
Eine Familienfeier.
Die Kinder.
Ein Termin.
Eine Verpflichtung.
Also bin ich weitergefahren.
Ich habe mir gesagt:
Jetzt nicht.
Später.
Nach diesem Termin.
Nach diesem Jahr.
Wenn es ruhiger wird.
Doch ruhiger wurde es nie.


Ein kleines Viertelstündchen

Wenn ich an das Wort „Irgendwann“
denke,

fällt mir auch mein Uropa ein.

Wenn ich als Kind fragte:

„Opilein, wie weit ist es noch?“

sagte er:

„Ein kleines Viertelstündchen.“

Also lief ich weiter.

Tapfer an seiner Hand.

Ein kleines Viertelstündchen
konnte ich gut schaffen.

Heute denke ich manchmal:

Es waren wahrscheinlich
einige kleine Viertelstündchen.

Aber damals war das gar nicht wichtig.

Ich hatte seine Hand.

Und ich wusste:

Irgendwann sind wir da.

Vielleicht ist das die andere Seite
von „Irgendwann“.

Es kann Hoffnung sein.

Ein kleines Stück weiter.

Noch ein bisschen durchhalten.

Noch eine Kurve.

Dann sind wir da.

Vielleicht habe ich genau das
so früh gelernt:

Weitergehen,

auch wenn ich noch nicht weiß,

wie weit es wirklich ist.

Nur dass aus dem kleinen
Viertelstündchen

später manchmal Jahre wurden.

Und irgendwann merkte ich:

Ich bin zwar immer weitergegangen.

Aber wohin eigentlich?


Das Wort, das mich lange warten ließ

Vielleicht kenne ich dieses „Irgendwann“
schon viel länger, als ich dachte.

Als Kind hörte ich oft:

„Das erzähle ich dir, wenn du größer bist.“

„Dafür bist du noch zu klein.“

„Vielleicht nächstes Jahr.“

Manches kam tatsächlich nie.

Vielleicht hatten meine Eltern gehofft,

dass ich es irgendwann vergessen würde.

Habe ich aber nicht.

Nicht bewusst.

Aber irgendwo in mir
scheinen diese Dinge geblieben zu sein.

Vielleicht wurde aus all diesen

„später“,
„nächstes Jahr“

und „wenn du größer bist“

irgendwann ein inneres Programm.

Warten.

Auf später.

Auf den richtigen Zeitpunkt.

Auf irgendwann.


Irgendwann trägt auch Hoffnung

Vielleicht ist „Irgendwann“
gar nicht nur ein Aufschieben.

Vielleicht steckt darin auch Hoffnung.

Die Hoffnung,

dass es wieder besser wird.

Leichter.

Dass irgendwann mehr Zeit da ist.

Dass sich etwas verändert.

Dass ich mich irgendwann
um mich selbst kümmern kann.

Und genau deshalb
kann dieses Wort so lange tragen.

Man fährt weiter.

Nicht unbedingt,
weil man glücklich ist.

Sondern weil man denkt:

Irgendwann wird es anders.

Ich bin viele Jahre
auf diese Weise gefahren.

Auf Autopilot.

Das Nötigste funktionierte.

Mein Handy wurde geladen.

Das Auto wurde getankt.

Ich habe gegessen und getrunken.

Ich bin weitergefahren.

Aber vieles andere
habe ich auf die lange Bank geschoben.

Mich selbst eingeschlossen.

Als dieses „Irgendwann“
plötzlich zum Jetzt wurde,

stand ich erst einmal da

und wusste gar nicht,

was ich mit mir anfangen sollte.

Wer bin ich eigentlich?

Was möchte ich noch?

Was sind meine Ziele?

Was macht mir Freude?

Ich hatte so lange funktioniert,

dass mir das eigene Leben
irgendwie abhandengekommen war.

Das war vielleicht
die eigentliche Überraschung:

Ich hatte nicht nur
meine Ausfahrten verschoben.

Ich hatte mich selbst
auf später verschoben.

Und irgendwann war
dieses Später plötzlich heute.


Das Wartezimmer

Und manchmal frage ich mich heute:

Wie oft habe ich selbst
jemanden in so ein Wartezimmer gesetzt?

Meine Kinder.

Einen Menschen,
der eine Antwort von mir wollte.

Ein Thema,
mit dem ich mich gerade
nicht beschäftigen wollte.

Nicht weil es mir egal war.

Manchmal hatte ich einfach keine Antwort.

Oder keine Lust,
mich damit auseinanderzusetzen.

Also:

Später.

Irgendwann.

Ich habe das Muster nicht nur erlebt.

Ich habe es auch selbst benutzt.

Vielleicht nicht immer bewusst.

Aber es war da.


Gute Gründe halten uns fest

Wenn ich ehrlich bin,

hatte ich immer gute Gründe.

Gerade jetzt nicht.

Gerade jetzt werde ich gebraucht.

Gerade jetzt passt es nicht.

Und so habe ich für jede Ausfahrt
einen Grund gefunden,
weiterzufahren.

Nicht bewusst.

Eher aus Gewohnheit.

Aus Pflichtgefühl.

Aus Angst,
etwas zu verändern.

Oder jemanden zu enttäuschen.


Wenn Aufschieben zur Gewohnheit wird

Dieses „Irgendwann“
zeigte sich schon viel früher.

Da wurde am letzten Abend
vor einer Klassenarbeit gelernt.

Die Hausaufgaben
noch schnell in der Pause
vor dem Unterricht abgeschrieben.

Ein Vortrag
kurz vor der Deadline geschrieben.

Obwohl die Zeit vorher da gewesen wäre.

Warum eigentlich?

Manchmal frage ich mich das heute.

Vielleicht saß da schon damals
dieser Gedanke in mir:

Das kann ich sowieso nicht.

Oder:

Ich muss mir das noch genauer überlegen.

Vielleicht habe ich etwas übersehen.

Ich sollte noch gründlicher recherchieren.

Nicht, dass mir jemand
vorhält, ich hätte keine Ahnung.

Und irgendwo dazwischen
taucht er wieder auf:

Der Perfektionist.

Auch der ist nicht einfach
vom Himmel gefallen.

Von Lehrern und Eltern
habe ich schließlich schon gehört:

„Das kannst du eigentlich besser.“

Ein Satz,
den ich oft genug gehört habe,
um ihn irgendwann selbst zu denken.

Und wieder war da dieses Wort:

Irgendwann.

Irgendwann mache ich es besser.

Irgendwann bin ich soweit.

Irgendwann reicht es.

Nur dass irgendwann
kein Zeitpunkt ist.

Es ist ein Wartezimmer,
in dem man ziemlich lange sitzen kann.


Zurück geht nicht

Irgendwann habe ich verstanden:

Das Leben ist keine Straße,

auf der man einfach wenden kann.

Wenn ich eine Ausfahrt verpasse,

kann ich nicht zurückfahren.

Ich kann weiterfahren.

Ich kann die nächste nehmen.

Aber zurück
geht nicht.

Und je länger ich gewartet habe,

desto weiter war ich von mir selbst entfernt.

Nicht, weil ich falsch gelebt habe.

Sondern weil ich meine Richtung
immer wieder verschoben habe.


Der Moment, in dem Warten keine Option mehr ist

Heute weiß ich:

Es gibt diesen Punkt.

Den Moment,

in dem „Irgendwann“
nicht mehr reicht.

Weil sonst nichts mehr kommt.

Weil man so lange weiterfährt,

bis der Tank leer ist

und keine Kraft mehr bleibt,

die Richtung zu ändern.

Bei mir kam dieser Punkt
nicht plötzlich.

Er kam leise.

Und wurde dann sehr klar.


Wenn ich merke, dass ich wieder warte

Ich habe dieses alte Programm
in mir erkannt.

Und ich merke inzwischen,
wenn es wieder anspringt.

Wenn aus einem
„Noch nicht“
wieder ein
„Irgendwann“
wird.

Wenn ich anfange,
eine Entscheidung vor mir herzuschieben,
obwohl ich die Antwort eigentlich schon kenne.

Es gelingt mir nicht immer,
aus jedem „Irgendwann“
ein „Jetzt“ zu machen.

Und das muss es auch nicht.

Manche Dinge dürfen warten.

Manches darf reifen.

Wie ein guter Brotteig.

Aber manchmal steckt hinter dem Warten
eben nicht Geduld,

sondern ein altes Muster.

Heute darf ich es anschauen.

Nicht verurteilen.

Nicht bekämpfen.

Einfach erkennen:

Ah, da bist du wieder.

Und dann habe ich eine Wahl.

Ich kann weiter auf der alten Strecke fahren.

Oder ich kann etwas verändern.

Vielleicht nur einen kleinen Schritt.

Vielleicht eine andere Entscheidung.

Vielleicht eine neue Richtung.

Ich glaube,
wir müssen unsere Muster und Schattenseiten
nicht loswerden,
um anders mit ihnen umzugehen.

Wenn etwas uns immer wieder belastet
oder unser Leben schwerer macht,

dürfen wir schauen,
ob es nicht etwas gibt,
das leichter,
passender
und mehr unseres ist.

Manches lässt sich nicht
von heute auf morgen verändern.

Aber wir können anfangen,
es anders zu machen.

Vielleicht ist das für mich
der eigentliche Unterschied
zwischen früher und heute:

Ich fahre nicht mehr automatisch weiter,

nur weil ich diese Strecke
schon so lange kenne.

Ich kann anhalten.

Hinschauen.

Und neu wählen.

Wenn ich heute zurückblicke,
sehe ich viele Strecken,
die ich mit dem Wissen von heute
nicht mehr so lange fahren würde.

Aber ich möchte sie auch nicht
aus meiner Geschichte streichen.

Sie gehören zu mir.

Jede Umleitung.
Jede verpasste Ausfahrt.
Jedes Warten.
Auch die Strecken, auf denen ich mich
selbst verloren habe.

Alles, was war,
hat mich zu der Frau gemacht,
die ich heute bin.

Und vielleicht ist genau das
mein Frieden mit der Vergangenheit:

Ich muss sie nicht verändern.

Ich darf sie verstehen.

Und dann weiterfahren.

Heute entscheide ich schneller,
was zu mir passt.

Nicht weil ich alles besser weiß.

Sondern weil ich mich selbst
inzwischen besser kenne.


Gedanken zum Weiterfliegen

Ich glaube nicht,
dass es zu spät war.

Aber ich glaube,
es war kurz davor.

Und genau das hat etwas verändert.

Heute höre ich genauer hin,
wenn in mir eine Stimme sagt:

Hier wäre eine Ausfahrt.

Du musst sie nicht sofort nehmen.

Aber warte nicht so lange,
bis du dich selbst nicht mehr erreichst.

Martes Gedanken – unterwegs zwischen Licht, Schatten und neuen Horizonten

LASS UNS IN VERBINDUNG BLEIBEN!

Ich möchtee dir gerne die neuesten Neuigkeiten und Angebote zukommen lassen 😎

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert