Dating-Dschungel


Die Kirsche für meine Sahnetorte


Nachdem ich mich in meinem letzten Blogbeitrag bereits durch das Dating nach Gebrauchsanweisung geschlagen habe, frage ich mich inzwischen:
Ist das nicht eigentlich eher ein Dating-Dschungel?
Denn kaum glaubt man, man hätte die Gebrauchsanweisung einigermaßen verstanden, tauchen schon die nächsten Fragen auf:
Was darf es denn sein?
Wie alt darf er sein?
Was sollte er mitbringen?
Welche Gemeinsamkeiten sind wichtig?
Wie viel Unterschied ist noch spannend – und ab wann wird er anstrengend?
Und plötzlich merke ich:
Ich suche gar nicht mehr einfach einen Menschen, der mir gefällt.
Ich befinde mich mitten im Dating-Dschungel.
Und irgendwo da drin soll nun auch noch die Kirsche für meine Sahnetorte auf mich warten.


Die Gesellschaft hat da auch noch ein Wörtchen mitzureden

Da lese ich beispielsweise, dass der Altersunterschied möglichst nicht mehr als fünf Jahre betragen sollte.

Gemeinsame Werte.

Ähnliche Lebensvorstellungen.

Eine möglichst ähnliche Biografie.

Klingt vernünftig.

Und dann gibt es natürlich auch Menschen, die es gerne jünger mögen.

Manche deutlich jünger.

Zwanzig Jahre sollen es bei manchen durchaus sein.

Bei mir wäre das dann allerdings ein Mann mit 84.

Ähm … nein.

Da habe ich dann doch so meine persönlichen Grenzen.

Und als wäre das alles noch nicht kompliziert genug, gibt es sogar eine Formel.

Halbes Alter plus sieben.

Bei mir also:

64 : 2 = 32
32 + 7 = 39

Oha.

39!

Das wäre demnach gesellschaftlich noch völlig akzeptiert.

Ich muss gestehen:

Da habe ich dann doch so meine Grenzen.

Wobei……

Aber 39 muss es nun wirklich nicht sein.

Kinder habe ich genug. :))

Aber eigentlich finde ich diese Formel noch aus einem ganz anderen Grund spannend.

Denn plötzlich geht es nicht mehr nur darum, dass zwei Menschen sich finden, die sich mögen und bei denen vieles passt.

Jetzt hat auch noch die Gesellschaft mitzureden.

Sie rechnet.

Sie bewertet.

Und offenbar gibt es sogar eine mathematische Grenze dafür, was noch als „normal“ gilt.

Seit wann braucht Liebe eigentlich einen Taschenrechner?


Und was wollen Männer eigentlich?

Auch darüber kann man natürlich nachlesen.

Männer suchen Frauen, die biologisch und optisch fit sind.

Mit denen man reisen kann.

Die Freizeit genießen.

Kultur mögen.

Gutes Essen zu schätzen wissen.

Wenig Drama machen.

Gelassen und emotional stabil sind.

Eine Art sicherer Hafen.

Und natürlich Nähe zu zweit.

Ich lese das und denke:

Ja, schön.

Klingt eigentlich nach einem ziemlich angenehmen Leben.

Aber dann frage ich mich:

Wo bleibt eigentlich der Mensch?

Denn ich kann durchaus verstehen, dass man sich einen Partner wünscht, mit dem man reisen, lachen, essen, Kultur erleben und die Freizeit genießen kann.

Ich möchte das ja schließlich auch.

Aber einen Menschen kann ich doch nicht wie eine Produktbeschreibung zusammenstellen.

Oder etwa doch?


Und plötzlich fühle ich mich wie im Versandhauskatalog

Denn bei all diesen Beschreibungen muss ich plötzlich an ein Lied aus den 70igern denken.

„Das schöne Mädchen von Seite eins …“

Man sah ein Bild, las die Beschreibung und dachte:

Ja, das könnte passen.

Und irgendwie ist es beim Dating manchmal gar nicht so anders.

Man schreibt.

Man telefoniert.

Man findet sich sympathisch.

Die Gespräche laufen gut.

Der Humor stimmt.

Die Chemie scheint zu stimmen.

Die Produktbeschreibung klingt vielversprechend.

Und dann kommt das erste Date.

Man sitzt sich gegenüber und denkt:

„Ähm … wo ist denn hier der Retourenaufkleber?“

Denn manchmal ist der Unterschied zwischen Produktbeschreibung und gelieferter Ware doch erstaunlich groß.

Und genau deshalb reicht mir inzwischen auch keine noch so schöne Beschreibung mehr.

Ich möchte wissen, wer da tatsächlich vor mir sitzt.

Nicht im Katalog.

Nicht am Telefon.

Nicht bei WhatsApp.

Im echten Leben.


Willkommen bei der Stellenausschreibung

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr muss ich lachen.

Denn genau genommen ist diese ganze Dating-Suche doch tatsächlich eine Art Stellenausschreibung.

Gesucht: Mann, 60 +/- Jahre, gepflegt, humorvoll, emotional verfügbar.

Reisebereit.

Kulturinteressiert.

Gourmetfähig.

Nicht ständig am Handy.

Gute Manieren.

Kommunikationsfähig.

Selbstständig.

Kein Drama.

Keine Altlasten, die noch den halben Kofferraum füllen.

Und bitte nicht auf der Suche nach einer Ersatzmutter.

Sanatoriumsboy?

Nein, danke.

Peter Pan?

Bitte weiterfliegen.

Der eingefleischte Junggeselle, der seit 25 Jahren erfolgreich beweist, dass er mit niemandem zusammenleben kann?

Auch schwierig.

Der Mann mit dem Rucksack voller Altlasten?

Den darf er gerne selbst tragen.

Der Glücksritter, der in mir schon die Lösung seiner finanziellen Probleme sieht?

Der darf seine Bewerbung gleich wieder mitnehmen.

Meine Zeit ist wertvoll.

Das sage ich inzwischen ziemlich deutlich.

Nicht, weil ich glaube, dass ich etwas Besseres verdient hätte als andere.

Sondern weil ich gelernt habe, dass ich meine Lebenszeit nicht mehr für Dinge verwenden möchte, die mir nicht guttun.


Und dann gibt es da noch die eine Bewerbung, die ich tatsächlich lesen würde

Eigentlich brauche ich gar keine perfekte Liste.

Vielleicht würde mir ein Satz viel mehr sagen als all diese Kriterien:

„Mein Leben ist schön. Doch zu zweit macht alles mehr Spaß.“

Das gefällt mir.

Denn darin steckt für mich etwas ganz anderes.

Kein:

„Du musst mein Leben retten.“

Kein:

„Mach mich glücklich.“

Kein:

„Füll die Lücke.“

Und auch kein:

„Ich brauche jemanden, weil ich alleine nicht klarkomme.“

Sondern:

Mein Leben ist schön.

Punkt.

Und trotzdem gibt es da diesen Wunsch nach einem Menschen, mit dem man es teilen möchte.

Reisen.

Lachen.

Ein gutes Essen.

Ein Cappuccino.

Einen Sonnenuntergang.

Ein Wochenende irgendwo.

Oder einfach einen ganz normalen Dienstag.

Vielleicht ist genau das für mich die schönste Form von Partnerschaft:

Nicht zwei halbe Menschen, die sich gegenseitig vervollständigen.

Sondern zwei ganze Menschen, die feststellen:

Zusammen macht manches einfach mehr Spaß.


Und plötzlich bin ich wieder bei meiner Kirsche

Da ist sie wieder.

Meine Kirsche auf der Sahnetorte.

Ich brauche keine Kirsche, damit meine Torte überhaupt eine Torte ist.

Aber wenn da eine kommt, die wirklich zu meiner Torte passt …

Dann darf sie gerne bleiben.

Nur sollte sie nicht erwarten, dass ich dafür die ganze Torte umbaue.

Und vielleicht ist das beim Dating überhaupt der schwierigste Teil:

Nicht herauszufinden, welcher Mensch theoretisch zu mir passen könnte.

Sondern herauszufinden, ob wir beide in der Realität miteinander passen.

Denn vielleicht erfüllt er nicht jedes Kriterium.

Vielleicht bin ich für ihn auch nicht das perfekte Exemplar Frau aus seiner eigenen Stellenausschreibung.

Vielleicht hat er Macken.

Ich habe schließlich auch welche.

Vielleicht stimmt die Altersformel nicht.

Vielleicht ist die Biografie nicht ähnlich.

Vielleicht sind wir in manchen Dingen sogar ziemlich verschieden.

Aber dann sitzen wir da.

Reden.

Lachen.

Schauen uns an.

Und plötzlich ist dieser ganze Dating-Dschungel für einen Moment ganz still.

Vielleicht ist das dann der Augenblick, in dem die Stellenausschreibung einfach in den Papierkorb wandern darf.

Denn am Ende suche ich keinen Bewerber.

Ich suche einen Menschen.

Einen, bei dem ich irgendwann sagen kann:

„Mit dir würde ich gerne noch ein Stück gemeinsam fahren.“

Und vielleicht ist das die einzige Bewerbung, die mich wirklich interessiert.

Ein Gedanke zum Weiterfliegen

Vielleicht suchen wir beim Dating manchmal so lange nach dem passenden Menschen, dass wir dabei vergessen, den Menschen kennenzulernen, der gerade vor uns sitzt.

Wir rechnen Altersunterschiede aus.

Vergleichen Biografien.

Prüfen Werte.

Haken Eigenschaften ab.

Und natürlich dürfen wir wissen, was uns wichtig ist.

Aber vielleicht gibt es zwischen „passt auf dem Papier“ und „passt zu mir“ einen ziemlich großen Unterschied.

Vielleicht lässt sich Liebe nämlich nicht berechnen.

Nicht mit einer Altersformel.

Nicht mit einer Checkliste.

Und wahrscheinlich auch nicht mit einer Stellenausschreibung.

Vielleicht beginnt sie manchmal ganz unspektakulär.

Mit einem guten Gespräch.

Einem Lachen.

Einem Blick.

Oder einem Cappuccino.

Und dann sehen wir weiter.

Martes Gedanken – unterwegs zwischen Licht, Schatten und neuen Horizonten

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