Die Marionette, die ihre Fäden sah
Manchmal habe ich das Gefühl,
ich habe lange an Fäden gehangen,
ohne es zu merken.
Ich habe mich bewegt,
wenn es erwartet wurde.
Ich habe funktioniert,
wenn es nötig war.
Ich habe Ja gesagt,
auch wenn in mir längst ein Nein war.
Und weil es immer schon so war,
habe ich gedacht,
es gehört so.
Die Fäden waren nicht grob.
Nicht sichtbar.
Nicht laut.
Sie hießen
Verantwortung.
Rücksicht.
Pflicht.
Gewohnheit.
Und manchmal auch Liebe.
Eines Tages hatte ich einen Moment,
in dem ich plötzlich still wurde.
Nicht außen.
Innen.
Und in dieser Stille habe ich gemerkt,
dass sich etwas in mir sträubt,
wenn ich wieder in die gleiche Rolle gehe.
Als würde mein Inneres sagen:
So nicht mehr.
Ich habe nach oben geschaut.
Nicht zu jemandem.
Sondern zu den Fäden.
Und zum ersten Mal habe ich gesehen,
dass ich sie nicht nur in der Hand anderer halte,
sondern auch selbst festhalte.
Ganz vorsichtig
habe ich einen losgelassen.
Es hat sich nicht wie Freiheit angefühlt.
Es hat sich zuerst wie Unsicherheit angefühlt.
Dann habe ich noch einen losgelassen.
Und noch einen.
Und irgendwann
stand ich da,
ohne zu wissen, wie man ohne Fäden geht.
Aber ich stand.
Und in diesem Moment
war ich keine Marionette mehr.
Keine perfekte Königin.
Keine mutige Heldin.
Nur ich.
Und das war das erste Mal,
dass sich mein Leben
wirklich nach meinem angefühlt hat.
