Der Spiegel, den wir anderen vorhalten
Der Spiegel, den wir anderen vorhalten
„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“
Dieser Satz von Immanuel Kant ist mir in letzter Zeit wieder begegnet. Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr merke ich, wie viel er eigentlich mit unserem ganz alltäglichen Leben zu tun hat.
Vielleicht lässt sich der Gedanke auch viel einfacher ausdrücken:
Was kann ich von anderen verlangen, wenn ich selbst nicht bereit bin, nach demselben Maßstab zu leben?
Dabei geht es gar nicht um die großen moralischen Fragen. Es beginnt bei den ganz kleinen Dingen.
Wir erwarten Ehrlichkeit, sind aber manchmal selbst nicht ganz ehrlich.
Wir erwarten Verständnis für unsere Schwächen, haben aber wenig Verständnis für die Schwächen anderer.
Wir möchten, dass man uns unsere Fehler verzeiht, während wir die Fehler anderer genau registrieren.
Wir möchten, dass man unsere Gründe kennt, bevor man über uns urteilt – und urteilen selbst manchmal über andere, ohne ihre Gründe zu kennen.
Und manchmal verlangen wir von einem anderen etwas, das wir uns selbst niemals abverlangen würden.
Das Merkwürdige daran ist: Wir merken diese Widersprüche bei anderen oft sehr schnell.
Bei uns selbst sind wir wesentlich großzügiger.
Für unser eigenes Verhalten finden wir Gründe.
Für das Verhalten des anderen finden wir manchmal ein Urteil.
Ich nehme mich davon überhaupt nicht aus.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum mir dieser Gedanke von Kant so nahegeht. Denn die Idee, den Maßstab nicht nur an andere anzulegen, sondern auch an sich selbst, ist für mich eigentlich gar nichts Neues.
Meine Großmutter hat mir schon als Kind einen Satz mitgegeben, der viel einfacher klingt und den ich vermutlich schon lange bevor ich Kants kategorischen Imperativ das erste Mal gehört habe verstand:
„Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“
Das war für mich nie nur ein Spruch.
Es war eher eine Art innerer Kompass.
Wenn ich nicht möchte, dass jemand mich belügt, sollte ich selbst nicht lügen.
Wenn ich nicht möchte, dass jemand mich respektlos behandelt, sollte ich andere nicht respektlos behandeln.
Wenn ich Verständnis für meine Fehler erwarte, muss ich auch bereit sein, anderen ihre Fehler zuzugestehen.
Und wenn ich etwas von einem anderen Menschen verlange, sollte ich mich zumindest einmal fragen:
Bin ich selbst bereit, das Gleiche zu leisten?
Natürlich bedeutet das nicht, dass ich immer alles richtig mache.
Ich lüge auch.
Nicht ständig und nicht unbedingt aus Bosheit. Manchmal ist es eine kleine Notlüge. Wenn mich jemand fragt: „Wie geht’s dir?“, kann „Gut“ manchmal einfach bedeuten:
„Ich möchte jetzt nicht darüber reden.“
Ich sehe darin etwas anderes als eine bewusste Täuschung, mit der ich einem anderen Menschen Schaden zufügen möchte.
Aber auch da beginnt schon die interessante Frage:
Wer entscheidet eigentlich, welche meiner Unwahrheiten noch verständlich sind und welche beim anderen plötzlich unverzeihlich werden?
Vielleicht ist genau dort die Doppelmoral.
Nicht darin, dass ein Mensch Fehler macht.
Denn natürlich machen wir alle Fehler.
Sondern darin, dass wir uns selbst zugestehen, menschlich sein zu dürfen, während wir dem anderen diese Menschlichkeit manchmal verweigern.
Und dann gibt es noch eine viel unangenehmere Variante dieses Spiegels.
Manchmal ärgere ich mich über einen Menschen und bin überzeugt:
„Wie kann der nur so sein?“
Und irgendwann stelle ich fest:
Ein Teil dessen, was mich an ihm so wütend macht, kenne ich von mir selbst.
Vielleicht nicht genauso.
Vielleicht unter anderen Umständen.
Vielleicht in einem völlig anderen Lebensbereich.
Aber plötzlich erkenne ich ein Verhalten, das ich bei mir selbst bisher erfolgreich zur Seite geschoben habe.
Und dann verändert sich die Wut.
Denn plötzlich geht es gar nicht mehr nur um den anderen.
Plötzlich stehe ich selbst mit im Raum.
Das ist eine ziemlich unangenehme Erkenntnis.
Denn solange der Fehler beim anderen liegt, kann ich mich wunderbar empören.
Ich kann analysieren, erklären, bewerten.
Ich kann sagen:
„So würde ich mich niemals verhalten.“
Bis ich irgendwann merke:
Doch. Vielleicht nicht genauso. Aber ich kenne dieses Muster.
Und dann wird der andere Mensch unfreiwillig zu einem Spiegel.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum uns manche Menschen besonders stark aufregen.
Nicht immer, weil sie besonders schlimm sind.
Sondern manchmal, weil sie etwas in uns berühren, das wir selbst nicht sehen wollen.
Das macht ihr Verhalten natürlich nicht automatisch richtig.
Und es bedeutet auch nicht, dass jede Wut auf einen anderen Menschen eigentlich Wut auf sich selbst ist.
Aber manchmal lohnt sich die Frage:
„Warum trifft mich das gerade so stark?“
Nicht:
„Was stimmt mit dem anderen nicht?“
Sondern:
„Was hat das mit mir zu tun?“
Das ist eine viel unbequemere Frage.
Und vielleicht deshalb auch eine viel wertvollere.
Denn ich kann andere Menschen nicht dazu bringen, nach einem bestimmten Maßstab zu leben.
Ich kann ihnen nicht vorschreiben, ehrlich zu sein, wenn ich selbst meine Wahrheit je nach Situation zurechtbiege.
Ich kann keine Rücksicht verlangen, wenn ich selbst keine Rücksicht nehme.
Ich kann nicht erwarten, dass andere ihre eigenen Fehler erkennen, wenn ich meine eigenen grundsätzlich bei den anderen suche.
Und ich kann nicht verlangen, dass jemand Verständnis für meine Lebensumstände hat, während ich seine nicht einmal kennenlernen möchte.
Natürlich bedeutet das nicht, dass alles erlaubt ist.
Natürlich darf ich Grenzen setzen.
Natürlich darf ich sagen:
„So möchte ich nicht behandelt werden.“
Aber vielleicht sollte ich mich gleichzeitig fragen:
„Bin ich bereit, diese Grenze auch für mich gelten zu lassen?“
Und genau da schließt sich für mich der Kreis zu Kant.
Eine Regel, die nur für den anderen gilt, ist keine Regel.
Sie ist ein Vorteil.
Ein Maßstab, den ich anderen vorhalte, sollte auch dann noch gelten, wenn ich selbst unter diesem Maßstab stehe.
Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung:
Nicht immer zuerst den anderen zu beurteilen.
Sondern ab und zu den Spiegel umzudrehen.
Und zu fragen:
Was verlange ich von anderen?
Was davon leiste ich selbst?
Was verzeihe ich mir, das ich anderen nicht verzeihe?
Und was regt mich an einem anderen Menschen vielleicht deshalb so sehr auf, weil ich es irgendwo auch in mir selbst kenne?
Ich glaube nicht, dass man dadurch ein besserer Mensch wird, der plötzlich alles richtig macht.
Vielleicht wird man nur ein bisschen ehrlicher mit sich selbst.
Und vielleicht reicht das schon.
Denn am Ende geht es für mich gar nicht darum, niemals zu lügen, niemals ungerecht zu sein, niemals wütend zu werden oder niemals Fehler zu machen.
Das wäre wahrscheinlich ein ziemlich unrealistischer Anspruch.
Es geht vielmehr darum, den gleichen Menschen, der ich anderen zugestehe zu sein – mit seinen Schwächen, Widersprüchen und Fehlern – auch in mir selbst auszuhalten.
Und vielleicht beginnt genau dort etwas, das Kant mit seinem Satz gemeint haben könnte:
Nicht der Anspruch, perfekt zu sein.
Sondern der Versuch, mit sich selbst und mit anderen nach einem Maßstab zu leben, den man auch dann noch akzeptieren kann, wenn sich die Rollen vertauschen.
Gedanke zum weiterfliegen
Der entscheidende Unterschied
Man könnte es vielleicht ganz einfach auf eine Frage herunterbrechen:
„Gilt deine Regel auch dann noch, wenn du auf der anderen Seite stehst?“
Diese Asymmetrie beschäftigt mich gerade.
Denn vielleicht habe ich sonst gar nicht wirklich eine moralische Regel.
Vielleicht habe ich zwei Regeln:
eine für mich.
und eine für dich.
Und vielleicht beginnt genau an dieser Stelle der nächste Gedankenflug.
Was passiert eigentlich, wenn wir den Maßstab, mit dem wir andere beurteilen, konsequent auf uns selbst anwenden?
Und was würden wir dann über uns selbst entdecken?
