Wer sitzt mit in meinem Fahrzeug?
Warum ich lernen musste, rechtzeitig zu bremsen
Schon als Kind war ich die, die gefragt hat:
Warum?
Warum muss ich das machen?
Warum soll ich das mögen?
Warum darf ich das nicht ablehnen?
Wenn ich etwas nicht wollte,
kam oft ein Satz,
der mir lange im Ohr geblieben ist:
„Jetzt hab dich doch nicht so.“
Also habe ich mich doch so gehabt.
Ich habe zugestimmt, obwohl ich nicht wollte.
Bin mitgegangen, obwohl es sich nicht richtig angefühlt hat.
Habe Platz gemacht, obwohl ich ihn selbst gebraucht hätte.
Damals wusste ich nicht,
dass ich damit Menschen in mein Fahrzeug einsteigen ließ,
die gar nicht wirklich zu mir passten.
Heute sehe ich mein Leben oft wie eine Fahrt.
Und ich sitze am Steuer.
Zumindest meistens.
Nicht jeder, der einsteigt, bleibt auch passend
Im Laufe des Lebens steigen viele Menschen ein.
Familie.
Freunde.
Partner.
Bekannte.
Manche fahren nur ein Stück mit.
Andere machen es sich bequem.
Früher dachte ich:
Wenn jemand einmal im Fahrzeug sitzt,
dann muss er bleiben.
Man steigt ja nicht einfach wieder aus.
Man sagt ja nicht einfach Stopp.
Man will ja niemanden verletzen.
Also bin ich weitergefahren.
Auch wenn es eng wurde.
Auch wenn es laut wurde.
Auch wenn ich gemerkt habe,
dass etwas nicht mehr stimmt.
Wenn Grenzen zu spät kommen
Ich gehöre nicht zu den Menschen,
die sofort spüren, wenn etwas nicht passt.
Ich fahre oft noch ein Stück weiter.
Und noch ein Stück.
Und noch eins.
Bis mein Motor unruhig wird.
Bis sich Druck aufbaut.
Und dann passiert es plötzlich:
Vollbremsung.
Ohne Vorwarnung.
Ohne langsamer zu werden.
Der Moment, in dem alles kippt.
Und die Frage im Raum steht:
„Was ist denn jetzt los?“
Ich habe meine Grenze erreicht.
Nur habe ich sie selbst zu lange übersehen.
Was ich nie gelernt habe
Wenn ich ehrlich bin,
wurde mir das Grenzen setzen nicht beigebracht.
Wenn ich als Kind etwas nicht wollte,
hieß es:
„Stell dich nicht so an.“
„Das ist doch nicht schlimm.“
Also habe ich gelernt,
mein Gefühl zu übergehen.
Nicht so empfindlich zu sein.
Nicht so schwierig.
Nicht so kompliziert.
Aber Gefühle verschwinden nicht.
Sie sammeln sich.
Und irgendwann reicht eine Kleinigkeit —
für eine Vollbremsung.
Früher merken, schneller reagieren
Ich lerne noch.
Manchmal merke ich meine Grenze immer noch zu spät.
Aber ich werde besser darin,
auf meinen inneren Motor zu hören.
Wenn etwas unruhig wird.
Wenn sich Druck aufbaut.
Dann halte ich innerlich kurz an
und frage mich:
Will ich das wirklich?
Fühlt sich das noch richtig an?
Oder fahre ich nur weiter,
weil ich niemanden enttäuschen will?
Ich darf entscheiden
Heute weiß ich:
Nicht jeder muss bis zum Ende mit mir fahren.
Ich darf entscheiden,
wer mit mir unterwegs ist.
Ich darf langsamer werden.
Ich darf anhalten.
Ich darf jemanden aussteigen lassen.
Nicht aus Härte.
Sondern aus Verantwortung.
Für mein Fahrzeug.
Für meine Fahrt.
Für mein Leben.
Und wer stabil sitzt,
hält auch eine klare Entscheidung aus.
Ein Gedanke zum weiterfliegen
Ich werde wahrscheinlich nie jemand sein,
der jede Grenze sofort erkennt.
Aber ich habe gelernt,
dass ich sie ernst nehmen darf,
sobald ich sie spüre.
Auch wenn andere überrascht sind.
Auch wenn jemand sagt:
„Jetzt hab dich doch nicht so.“
Doch.
Heute habe ich mich so.
Und genau deshalb
bleibe ich am Steuer meines Lebens.
In den nächsten Wochen nehme ich dich weiter mit
auf meine Reise durchs Leben –
mit all den Kurven, Umwegen und neuen Wegen.
Neue Beiträge erscheinen in regelmäßigen Abständen.
Wenn du magst,
steig ein und fahr ein Stück mit.
